Reisebericht - kulimu geht an die Grenze.

Tag 1: 13.04.2002

Acht Uhr morgens. Die bleigrauen Wolken grenzen an Regen. Der Grenzgang ist an der Grenze der Absage, ja er war schon am Vortag für zehn Minuten abgesagt.
Ein letzter Blick in das grenzenlose Wolkenmeer und dann entscheidend unser grenzerfahrener Guide, J. Go Wadl: "Wir gehen an die Grenze": Beifälliges Gemurmel...die Gesichtsfarbe änderte sich...

J. Go Wadl heißt nicht zum Spaß Wadl. Liefern doch seine Unterschenkel mehr Energie als ein Windkraftwerk und sind doch auch seine Wadeln Kilimandscharo erprobt. Und auch die Sauerstoffaufnahmefähigkeit seiner Lungen kennt keine Grenzen. Musste er doch bei der Besteigung des Kilimanscharo am Gipfel eine Schachtel Marlboro tschicken, um einen leichten Grenzschwindel zu erleben.
Jedes Wesen beiderlei Geschlechts kann sich nun mit grenzspielerischer Leichtigkeit vorstellen, welche Grenzbelastungen auf die grenzunerfahrenen Kulimuvorstandsmitglieder bei der Grenzwanderung rund um Frankenburg zukamen.

Kaum war die Ortsgrenze erreicht verfiel J. Go Wadl in einen schwer erträglichen Grenztrab, zündete sich eine Marlboro an, holte als zusätzliches Dopingmittel eine grenzenlos große Leberkässemmel aus dem Rucksack, spülte sich den letzten Brocken der Semmel mit einem kräftigen Schluck Bier in die Waden, griff zur Groovebox und spielte keinen Ton.

Das öffentliche WC vom Tiefenbach...In einem Affentempo durchquerten wir das bierselige Zipf, hetzten mit Jagdhundschritten in das waldumtoste Tiefenbach. Der Atem ging schneller und schneller, aber J. Go Wadl trieb uns weiter.
Erst als Qualm aus den Schuhen unserer Kassiererin Sivia P. aufstieg, erbarmte er sich unser.
Silvia schüttete das mitgeschleppte Mineralwasser anstatt in die Kehle über die Schuhe und Raimund, unser Obmann und Hardrock Experte hörte vor Sauerstoffmangel seine Idole in der Hölle am Schlagzeug hämmern.
Der Rest der Kulimus saß wie belämmert am Waldesboden, massierte sich gegenseitig die von Krämpfen gebeutelten Waden, kauten apathisch an den Salzstangerl, doch keiner schleuderte ein Schimpfwort über die Lippen.

J.Go Wadl verstand dieses Schweigen als Aufforderung zum Weitergehen. Vor Energie bebend, stapfte er voran, holte die Mandoline unter dem Arm hervor und spielte keinen Ton. Margarete, seine Frau, erschauerte unter der Grenzbelastung, verspürte ein leichtes Brennen im Oberschenkel. Gestattete sich aber nicht einmal einen Jammerhauch, türmte sich doch vor uns der Hohenlehen, ein langezogener Anstieg auf.Meine Bergschuhe sind mein Leben!
Links und rechts von uns Zentimeter tiefe Schluchten. Von den Fichten schallten die drohenden Rufe der Uhus. Spechte klopften ihre Warnsignale in die Rinden der Bäume und uns brach der Schweiß aus allen Poren.
Erste Kehre, zweite Kehre, doch erst nach der Vierzigste erreichten wir die Passhöhe. Taumelnd, erschöpft, leicht halluzinierend, von Hängematten träumend.
Aber den Anfall von Weltabwesenheit vertrieben zwei serbische Steppenhunde im Nu. Bedrohlich bellend, das Maul weit aufgerissen stürzten sie auf uns zu.
Jetzt kam zum Berggehschweiß, auch noch der Angstschweiß.
Ich bin der Hund von Hochlehen.Das Blut wich vom Kopf irgendwohin und hätte nicht Anna S. mit einem bedrohlichen Hüftschwung, den kann sie vom Reggaetanzen, die Hunde paralysiert, wer weiß wo wir heute lägen.

Fast mystisch war dann die Stimmung als wir unterhalb der Riesen entlangschwebten. Mit einem Seufzer der Erleichterung erreichten wir zu Mittag die Einkehr im Redltal. Die Grenze im Redltal.
Hier die nächste Überraschung. Mit großem TamTam fuhr die Rettung vor. Ihr entstieg, mit einer Art von Märtyrerschein Watsch K., seines Zeichens Lehrer und Fotograf.
Er hatte sich gegen seinen Ischiasschmerz, um doch noch bei der Grenzwanderung dabei sein zu können, vom Arzt indianisches Pfeilgift spritzen Iassen. Da er auch am Zuwachsen der Stirnhöhlen leidet, verschrieb im der Wirt eine Bier-Krenn-Kur, die Watsch K. dankend annahm.

Nachdem Watsch K. die dritte Krenwurzen mit einem animalischen Schnupfer durch die Nase gezogen hatte, setzte er zu einem hehren geistigen Höhenflug an. So behauptete er fest und steif:" Die Mayas sind in Südamerika nur deshalb ausgestorben, weil alle nach Österreich ausgewandert sind, und sich hier auf Meier, Mayr, Moar und dergleichen umbenannt haben".
Bei den Kulimus, die schon vier Stunden Gehzeit in den Waden hatten, rief er ein ungläubiges Erstaunen hervor. Nur J.Go Wadl krempelte seine Hosenbeine hoch, spannte seine Wadenmuskulatur verdächtig fest an und meinte: "Ich hätte alle Mayas in Grund und Boden gegangen". Einstimmiges Kopfnicken.
Seine Frau Margarete flößte ihm zur Beruhigung einen halben Liter puren Mostes ein. Der Most entfachte aber das Gegenteil, ja er rief bei ihm eine hektische Aufbruchstimmung hervor.

Mit einem "Gemma, Gemma, Geh" scheuchte er alle aus der warmen Wirtshausstube hinaus. Seine Frau Margarete musste sogar das Beuschel unangetastet zurücklassen. Mit schmerzenden Füßen wurde die Grenzwanderung fortgesetzt. Der Atem rasselte unangebracht laut, als wir im Raketentempo den Diebssteig, dessen Steilheit legendär ist, hinaufhetzten. Bergziegen und Gämsen drehten sich anerkennend nach uns um.

Der Diebsteig!Der Diebssteig war in alten Zeiten ein Fluchtweg für Erdäpfel, Karotten - und Heiligenbildschmuggler. Bis auf das Messer bekämpften sich die verfeindeten Schmugglerbanden. Kieferbrüche, Schädeldeckenabsprengungen, Leberzerfleischungen waren geringfügige Verletzungen.
Noch heute säumen den Diebssteig verrostete Messer, herumliegende Zähnen, zerbrochene Mostkrüge, ausgestopfte Kehlköpfe und Piratenfahnen.
Der Vorschlag des Bürgermeisters hier ein Schmugglermuseum zu errichten, scheiterte bisher an den unheimlichen Vorkommnissen, die sich jedes ungerade Jahr ereignen. So verwandelte sich ein schwarzer Rabe beim Überflug des Diebssteiges in eine zweimotorige Propellermaschine und verirrter Trinker mutierte zu einem Ameisenhaufen.
Da war es nur natürlich, dass wir den unheimlichen Ort so schnell als möglich durcheilten.

Die Fußsohlen brannte lichterloh und die Furcht vor Verwünschungen fiel wie ein schwerer Stein von unseren Zehen als wir bei Dackerl Hildes Schenke eintrafen, die für ihre fußballgroßen Bratknödel weit über die Grenzen hinaus bekannt ist.
Die wunden Füße badeten wir in dem Schokoladekuchen, den uns Bettina A., in einem Anfall von kreativer Kochwut buk, und bei Hilda deponiert hatte.
Schwarz waren die Füße vor Schokolade und animierten Raimund zu dem Lied "Fango, Fango", nach der Melodie von "Mambo, Mambo".

In der Küche bruzzelte die Wirtin ein Omelett in der Pfanne und sie begleitet das Bruzzeln mit dem eigenwilligen Sing Sang: " Ach Omeletten, ach Omeletten, euch nehm ich mit in meine Betten". Als Anna S. das vernahm, die in den verträumten Hintersteining, einem Ortsteil Frankenburgs aufwuchs, und wo die schrulligen bis störrischen Bewohner eine Vorliebe für das "A" in der Sprache entwickelt hatten, durchzuckte sie die Erinnerung wie ein Blitz.
Mit einem Blick, der so traumselig war, als hätte der Himmel fünfhundert Reggaemelodien über sie ausgeschüttet, erklärte sie den Kulimus: "Wir sagten statt Omeletten immer Amaletten und sangen das Lied ' Ach Amaletten, ach Amaletten, wenn wir doch nur Bananen hätten"'.

"Außerdem", sie nahm einen Schluck aus ihrem Achterl, " verwendeten dieAmaletten, so soll es sein... Ur Hintersteininger das Amalett auch als Amulett. So buken die Großmütter noch Amalett um Amalett, wenn die Großväter Gefährliches vorhatten. Da steckten dann die Großväter den Amaletten als Amulett in die Hosentasche. Auch bei Krankheiten half der Amalett als Amulett. So legten sich die Bewohner den Amaletten bei Kopfweh auf die Schädeldecke, bei Ischiasschmerz auf das Kreuz, und bei Ohrenschmerzen stopften sie ihn ins Ohr".
Watsch K., der aufmerksam zugehört hatte und bei dem die Wirkung des Pfeilgiftes gegen den Ischiasschmerz nachgelassen hatte und bei dem das Zuwachsen der Stirnhöhlen wieder im Wachsen war, bestellte sich bei der Wirtin sofort ein Dutzend von Amaletten. Mit Geschick verhüllte er die schmerzenden Körperstellen und er fühlte sich mit einem Schlag wieder sehr entspannt.
Die Wirtin freute sich über den unerwarteten Deal über alle Maßen und lud uns zum Abschied noch auf ein Vierterl reschen Veltliner ein.
Wir verschwesterten uns mit ihr, es kullerten die Tränen, eine weiche Sentimentalität drückte auf das Herz, doch J. Go Wadl blieb unnachgiebig.
Wir mussten hinaus in das raue Hilprigen. Einige Kinder schrieen verzückt als sie Watsch erblickten: Schau a so großer Amaletten und so gelb".
Watsch K., der auch einen Amaletten im Ohr stecken hatte, hörte Gott sei Dank von all dem nichts.

Wieso darf ich nicht bei den Nixen bleiben, mei J.Go?Jetzt ging es entlang des reißenden Altbaches, dem Grenzfluss zwischen Frankenburg und Redleiten. Ehrfürchtig schauten wir den Flößern zu, wie sie ihre Floße durch den Strom steuerten und waren entzückt von den Bachnixen, die anmutig über die Stromschnellen sprangen.
Gerade um diese Wassernixen gab und gibt es noch immer heftige Auseinadersetzungen zwischen den Frankenburgern und den Redleitnern. Und wer sie gesehen hat, dem ist das nur allzu verständlich, werden sie doch die Sirenen des Hausrucks genannt.

Franz F. wäre beinahe ihrem Gesang erlegen. Erst der scharfe Ruf, "Wo bleibst den", von J. Go Wadl, retteten ihn vor der totalen Verführung.

"Herrschaftszeiten, jetzt ist mir der Amaletten in die Hosen gerutscht", konnte Watsch K. noch schreien, dann waren wir schon in der weitläufigen Flusslandschaft des Edterbaches, einer Landschaft wie aus dem Heimatbuch. Trächtige Kühe warteten voller Freude auf den Tierarzt, die Schafe lieferten ihre Wolle beim urwüchsigen Schäfer ab, trollten dann über die Weide zum Stall, wo sich Bauer und Bäuerin innig küssten.
Die Sonne verschwand mit mildem Lächeln, als wir den dunklen Tann betraten, wo Holzschnitzer ihre Heiligenfiguren schnitzten.

Und in diesem dunklen Tann, da hausten gottbenedeite urwüchsige Holzschnitzer, die mit ihren diamantenen Schnitzmessern, die sie in ihren klobigen, aber flinken Händen wie Laserwaffen hielten, die üppigsten aller üppigsten Madonnenfiguren schnitzten.

Freundlich, ja fast schon begehrlich lächelten sie unsere KulimuInnen an und der Großmeister unter ihnen wollte unsere Claudia für immer und ewig behalten. Er versprach ihr: "Madl, die moch i ois Model berühmt". Schon hielt er ihre zarten Hände in seinen Holzschnitzerpranken, prüfte mit strengem Blick den Heiligenschein ihrer Haare, kostete von ihrem Salamiweckerl, zog sein Holzschnitzerkapperl etwas tiefer in die Stirn und wollte gerade zum ersten Schnitz ansetzen, da fiel ihm Jo Go Wadl in den Arm und sprach einen teuflischen Fluch aus. Es klang ungefähr so: "Höi Teufi, Teufi, du wüda Teufi du".
Plötzlich erstarrte der Großmeister zur Salzsäule, aus seinem Mund kam ein roter, schwefeliger Lavafluss und der Boden unter seinen Füßen tat sich auf. Natürlich verschwand er auch darin. Die anderen Holzschnitzer zogen sich daraufhin in ihre Holzschnitzerhütten zurück, murmelten ein paar Gebete und taten Buße indem sie sich ein paar Speckschwarten über ihre Holzschädel zogen. Einige rutschten so beim anschließenden Kopfstand aus, prellten sich das Genick oder zogen sich schmerzhafte Verstauchungen zu.

Ob der Episode amüsiert zog Watsch K. seine gelbe Designerpudelhaube vom Kopf, beutelte seine Stirnhöhle auf den Waldboden, sprang von Ast zu Ast, und war auch sonst außer sich vor Freude. Obmann Raimondo, der bei der letzten Einkehr gar arg dem grünen Veltliner zugesprochen hatte, meinte zu dem grausigen Vorfall nur lakonisch: "Pf, Pf, Pf".

Ohne Zwischenfälle und immens zielstrebig zogen wir dann weiter Richtung Hengstenberg, der mit 683 Metern die höchste Erhebung auf Schildorner Gemeindegebiet ist.

Die 683 Meter, die gestandene Gebirgler wie die Frankenburger ja als Senke bezeichnen, sind für die Schildorner, die von natur auf extrem kleinwüchsig sind, sie werden oft mit Ameisen verglichen, eine schier unbezwingbare Erhebung.

Als einmal, es war vor langer Zeit, ein Schildorner den Berg bezwingen konnte, errichtete er vor lauter Freude ein metallenes Gipfelkreuz und derselbige spendete auch ein goldenes Gipfelbuch.
Es ist der einzige Schildorner, der im Gipfelbuch eingetragen ist, denn die Schildorner sind nicht nur sehr klein, sondern auch sehr bequem. So arbeiten sie nur an den kirchlichen und weltlichen Feiertagen. Den Rest des Jahres hatten sie frei oder sie feierten orgiastische Feste. So galt Schildorn lange Zeit als Arbeiter und Bauernparadies. Erst der Anschluss Österreichs an die EU machte diesem exzentrischem Treiben ein Ende und die SchildornerInnen müssen nun Seidenspitzen für Brüssel nähen.

Mit fahrigen Bewegungen trugen wir uns in das Gipfelbuch, erfreuten uns über 3 Meter weite Aussicht bis zur nächsten Fichte, endlich einmal kein verkitschtes Gebirgspanorama. Silvia P. kühlte ihre nun verkohlten Zehen mit einem Schöpfer Wasser, Jo Go Wadl stemmte das Gipfelkreuz um ein paar Meter höher.
Ein lauer Abendwind umfächelte unsere vom Wandern geröteten Wangen als wir beim Wirt z´Feitzing, unserer Herberge für die Nacht eintrafen.

Der Wirt z´Feitzing liegt außerhalb Frankenburgs Grenze und somit im Niemandsland. Nicht weil niemand hingekommen ist oder hinkäme; nein ganz im Gegenteil. Schon die Hunnen kehrten auf der Suche nach Geselchtem und Most beim Wirt ein. Die etwas stupiden Goten verfehlten das Wirtshaus und landeten beim Frankenburger Würfelspiel, wo sie als Bauernopfer herzlich willkommen waren.

Die streitbaren Amazonen aus Amazonien verbannten anno den Wirt in den Kuhstall, setzten seine Frau als Wirtin ein, die sich als singende und kochende Wirtin Weltruhm erwarb. Ihre Liaison mit Kaiser Franz Ferdinand steht zwar in keinem Geschichtsbuch, aber sie stimmt. Sein, "Annerl nu an Knödl und dann schlaf ma nebeneinada", soll dem damaligen Wirt veranlaßt haben den Kuhstall nie mehr zu verlassen.
Der Durchzug und das Verweilen der verschiedenen Völker durch das Niemandsland führte auch zu deren Vermischung. So floß in den Adern von Franz Stelzhammer das Blut von heißblütigen Mexikanern, schwermütigen Slawen, cholerischen Spaniern, lendenstarken Galliern, und sogar ein Blutplättchen eines afrikanischen Königs soll bei seiner Obduktion entdeckt worden sein.

An diesem geschichtsträchtigem Ort verspürten wir den Schmerz in den Beinen, die wir bei der ersten Etappe mit 35 Kilometer gegeißelt hatten, nicht mehr. Bei Jo Go Wadl, der sich auf den letzten Kilometern seiner langen Hose entledigt hatte, versprühten seine Wadel sogar Funken. Ein Regen von Sterntalern erleuchtete die anbrechende Nacht und hüllten Silvias verkohlte Füße in ein gespenstisches Licht. Im Nu verschwanden die Kohlen aus ihren Zehen. Strahlend weiß standen sie nun da und reckten sich kuschelig in den Sternenhimmel. Andächtig starrten wir auf ihre Zehen, dankten Jo Go Wadl mit einem " Sepp des is ja ein Wahnsinn", nahmen den vom Wirt angebotenen Schnaps, der wie ein schießender mexikanischer Friedensengel ausschaut, dankend entgegen, ließen uns auf die Wirtshausbänke nieder, und bestellten einen zweiten Schnaps in einem großen Bier.
In einem schnellen Trinkmanöver leerten wir die Becher. Überzeugt von unseren Trinkfähigkeiten legte nun der Wirt eine Pipeline zu unserem Tisch, schrie , "Zapft`s an", und wünschte uns viel Glück.
Nach dem dritten Humpen in zehn Minuten, war der ärgste Durst gelöscht und es konnte in einen gemächlichen Trinktrab verfallen werden. Wo man jetzt auch hinsah, man sah nur mehr fröhliche Mienen. Nur Margarete, Jo Go Wadls Frau, blickte düster in die Runde. Sie hatte nicht nur im Redltal ihr vielgeliebtes Beuschel ungegessen zurücklassen müssen. Nein ihrer Ansicht nach, die ja an einer siebzehnfachen Muskelfaserquetschung im Oberschenkel litt, war die wundersame Heilung, die ihr Mann bei Silvia vollbrachte die größte Ungerechtigkeit in Reinkultur. Sie drohte ihrem Jo Go Wadl : " Ich bleib bei dir, nicht nur bis der Tod uns scheidet, sondern darüber hinaus".

Daraufhin lächelte Jo Go Wadl abgründig. Obmann Raimondo, der kurz vor der Bier und Veltliner Erleuchtung stand, stimmte ein "Prosit der Vergänglichkeit an", begleitete sich dabei auf seiner Stromgitarre und geriet in den Stromkreis. Es beutelte in ein paar Mal gehörig durch, dann verstummte er. Claudia, die den Fängen eines lüsternen Holzschnitzers nur knapp entronnen war, trank drei Stamperl Weichsel Likör auf einmal und freute sich über ihre Rettung. Silvia fing das Lied, "Ich Steh auf meine weißen Zehen beim Gehen", zu singen an, was aber keiner verstand, waren doch ihre Zehen in der kurzen Zeit im Wirtshaus längst im Schnaps ertränkt. Sie schauten aus wie versoffene Kapuziner, die auf dem Heimweg in einen Hochleistungshexler geraten waren.
Franz faselte von den armen Männern, die von ihren Frauen geschlagen werden und er wollte auf der Stelle ein Haus für geschlagene Männer gründen. Wahrscheinlich schaut er zu viel in die Röhre und ins Glas. Watsch K., dem am Rücken eine gefährlich große Ischiasbeule aufschoß, ließ sich vom Wirt ein Tranchiermesser kommen, tauchte die Schneid in den hochprozentigen Obstler und fragte in die Runde: "Soll i oder soll i ned"? "Freili", war die eindeutige Antwort. Da ließ Watsch das Messer fallen, griff zum Achterl Obstler und trank es bis zum letzten Tropfen leer. Seine Trinkgrenze hatte er damit noch lange nicht erreicht. Es war also heiter bis fidel und auch Anna S. hörte schon die Reggae Rhythmen an das Fenster klopfen.

Da stürzte auf einmal Thomas Gottschalk, dieser blondgelockte Haribo, in die Wirtsstube. In seinem Schlepptau waren auch ein paar bayerische Stoibervasallen, also Männer, die ein CSU Gen eingepflanzt hatten, wie eigentlich ganz Bayern.
"Wetten daß, ihr gegen uns keine Chance habt` s beim Schnapstrinken", giftete Watsch
K, der ja in Ungarn, die Barack Ausbildung mit einem doppelten Diplom und einem dreifachen Doktortitel bestanden hatte. Ehrfurchtsvoll nennen sie ihn heute noch in Ungarn Dr. Dippel Dippel Palinka. Watsch erkannte auch, den angegriffenen Gesundheitszustand des Haribo.
Der Wirt schaffte Gläser und Schnaps herbei, den hoch prozentigsten aus seinem Keller, und der Kampf gegen den Haribo und die windschiefen Bayern konnte beginnen. Bereits nach der achtzehnten Runde zeigten sie eklatante Schwächen. Jammerten es sei ihnen schlecht. Doch gegen die Bayern, diese lederbehosten CSU Kuhglockenschlepper, gab es kein Erbarmen.
Nach dem vierzigsten Doppelten hatte sich der blonde Haribo gelatinisiert, also irgendwie aufgelöst. Die anderen CSU Schwächlinge, wie es sich für Vasallen gehört, schlossen sich seinem Zustand an.
Raimondo wollte auf seiner Stromgitarre noch, "Zieht den Bayern die Lederhose aus", anstimmen, geriet aber dabei sofort wieder in den Stromkreis. Es beutelte ihn gehörig durch und dann verstummte er.

Dr. Dippel Dippel Palinka strahlte wie der Komet zu Bethlehem. Der Wirt brachte noch eine Extrarunde Slibowitz für uns Sieger, dann verdrückte wir uns in die Betten und wer jetzt noch nicht schlafen konnte, der war selbst schuld.
So ging ein schöner Tag zu Ende und der zweite war nur noch eine Stunde entfernt.

 

GRENZGANG TAG ZWEI

In den zwei Stunden bis zum Tagesanbruch sickerte der Schnaps in den Gehirnsee der Kulimus. Die Hirnfische bekamen leuchtende Augen, schnappten gierig nach den herumschwimmenden Heferesten und zogen sich die Dämpfe des grünen Veltliners hinein, die gefährlich am Grund des Gehirnsees brodelten.
Daraufhin verwandelten sich die Flossen in Flügel, die Kiemen wurden voluminöse Lungen und mit einem lauten Geschnatter erhoben sich die Fische, die nun Vögel waren, flügelschlagend aus dem See und flogen bei den Augenöffnungen hinaus ins Freie. Dabei stießen sie gegen Tür und Fenster, was einem Höllenlärm verursachte.
Der schießende mexikanische Friedensengel, also der Wirt z' Feitzing sprang von seinem Bett auf, nahm seine Puffn, also nicht unsere Puffi, in die rechte Hand, mit der linken schnappte er sich den Ochsenziemer und mit einem lauten "Euch dawisch i", stürmte er ins Freie, wo ihm die Wirtin eine schallende Ohrfeige verpasste, ihm noch ein Nasenreiberl verabreichte und dann wieder ins Bett schickte.
Von dem all bekamen Puffi und Co nichts mit. Sie wunderten sich nur beim Erwachen wie leicht der Kopf war, ja fast schwerelos. Watsch K., der ein wenig zum Pessimismus neigt, befürchtete sogar seinen Kopf verloren zu haben. Seine Angst war riesengroß. So lief er mit dem Kopf gegen die Wand, es gab einen lauten Pumperer und Watsch wusste wieder wo bei ihm der Sitz des Kopfes ist.
Von dem Knall erwachte der Wirt, richtet sich in seinem Bett auf, nuschelte, "Aber jetzt sans do", und wollte wieder aus seinem Bett springen. Der Alb, der einmal ein Traum war, und der nun statt seiner Frau neben ihm im Bett lag, drückte ihm jedoch so sehr auf das Herz, dass der Wirt mit einem schweren Seufzer wieder in die Horizontale zurücksackte.
Margarete, die Frau Jo Go Wadls schwebte mühelos wie ein junger Engel aus ihrem Zimmer. Leise flüsterte sie: "Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht". "I scho", grantelte Watsch K.

Anna S., die zwischen Tür und Angel stand, berichtet von einem leichten Kopfrauschen während der Nacht. "Es glich einem von Schwanengesang begleiteten Vogelflug", meinte sie.
"Bledsinn", raunzte Raimondo, "es glich eher dem Sturzflug eines Geiers, der auf der Suche nach dem Dopplers war".
Müßig alle Auffassungsunterschiede aufzuzählen, denn in einem Punkt herrschte bei den KulimuInnen Einigkeit: Es gab an diesem Morgen eine gewisse Leichtigkeit des Kopfes.
Jo Go Wadl, der sich an den kleinkrämerischen Auseinandersetzungen nicht beteiligte, saß schon in der Wirtstube vor einem dampfenden Beuschl. Neben ihm ein Bier und Thomas Gottschalk, der zu der Morgenstund nicht nur Gold im Mund hatte. Eindringlich redete Jo Go auf den Haribo ein. Manchmal fuhr er dem Haribo dabei ins Auge.
Er, Jo Go Wadl wisse nämlich eine Superwette für seine nächste Sendung. Franz F., der jahrelang während seines Postdienstes darauf bestand sämtliche Briefmarken mit der Zunge abzuschlecken, hatte sich dabei eine seltsame Krankheit zugezogen. Franz F. entwickelte nämlich ein übernatürliches Gespür für Silikon und eine tolldreiste Schamlosigkeit. Kam eine Kundin auf das Postamt bemerkte er immer lautstark: "Braut unter ihrer Haut, sich ein wenig Silikon da staut".
Viele Frauen verließen auf diese Gemeinheit hin das Postamt und ließen sich nie wieder blicken. Franz F. wurde wegen dieser Nervenschwäche vom Postdienst suspendiert. Aber ein Mann, der alle Frauen allein am Silikon erkenne, das wäre doch für 'Wetten dass ein Riesending, meinte Jo Go Wadl.
Thomas Gottschalk rollte seine blauen Augen hin und her, nahm seine Zähne aus dem Mund, fuhr sich durch seine Haribomähne und schluckte ein paar Mal: "Darauf trinken wir etwas".
Schon schafften die Stoibervasallen Bier heran, da erschien auf Jo Go Wadls Handy eine SMS: Bin ab morgen in Silikon Valley. Franz.

Nervös nahm Jo Go Wadl einen Schluck Bier, warf anschließend das Handy ins Bierglas, worauf sich der ursprüngliche Text auf dem Display wie von selbst auslöschte, und es erschien von Zauberhand die Benachrichtigung: Ohne Silikon, Cilli und Walli. Alles dalli.
Da war Jo Go Wadl beruhigt, denn somit musste Franz f. sich noch im Haus befinden. Jo Go Wadl nahm sich vor Franz F. ordentlich die 'Leviten zu lesen, da ihn auf so unnatürliche Weise erschreckt hatte. Thomas Gottschalk, der sich mittlerweile an einem Haribo verschluckt hatte, prostete Jo Go zu, und er erklärte sich einverstanden mit Franz F. ein Casting zu machen. Der Vertrag stand kurz vor der Unterzeichnung , Jo Go hätte ein fette Provision eingestreift, da tippte ein Stoibervasall, dieser schaute so verkniffen aus wie der leibhaftige Stoiber, dem Gottschalk auf die Schulter, und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Wie von der Tarantel gestochen, sprang der Haribo auf, hinter ihm hetzten die Stoiberknechte hinaus bei der Wirtshausstube. Kein Sekunde zu früh, denn schon erschien Dr. Palinka mit den Worten, "Bringt mir den Magen des Haribo, aber salzt und pfefferte ihn vorher ordentlich", in der Wirtshaustür.
Na, somit war's gelaufen. Franz F. starb um seinen Fernsehdebüt , Jo Go Wadl um seine fette Provision und Dr. Palinka um den Haribomagen.
Die Leichtigkeit, die den Kopf der KulimuInnen erfasst hatte, übertrug sich nach dem Frühstück auf die Beine, erfasste auch die
Zehen der Silvia P., was allerdings schon an ein Wunder grenzte. Der Schritt stimmte also, als wir zur zweiten Etappe der Grenzwanderung aufbrachen. Am Ortsende von Pramet, dem Geburtsort des Franz Stelzhammers stand die Tafel mit der Aufschrift: "Wauns' d ned furt muaßt dann bleib" Ein typischer Ausspruch des Heimatdichters, der ja panische Angst vorm Fremdgehen hatte.
Wir verneigten uns vor der Tafel, schworen niemals in unserem Leben fremdgehen zu wollen, und hüpften mit einem Seufzer der Erleichterung hinüber ins Frankenburgerische.

Wieder hatten wir eine Grenze überschritten und es kam zu einer legendären Grenztaufe. Jeder schlug sich die mitbebrachte Sektflasche gegen seinen eigenen Kopf. Mit einem lauten Knall krachten die Korken in den klaren Vormittagshimmel. Ein zufällig im Wald schwammerlsuchender Shao Lin Mönch erblasste bei dem Schauspiel vor Neid, denn keiner von uns wies auch nur den Hauch einer Beule auf, von einem Dippel gar nicht zu reden.
Was aber auf keinen Fall bedeutet, wir hätten bei der Aktion ein Brett vor dem Kopf gehabt. Es war einfach nur die gewisse Leichtigkeit des Seins.
Richie, der sich erst heute unserem Grenzgang anschloss, begann zu tanzen. Zuerst ruhig, gesetzt, mit leichter Behändigkeit und mit graziler Anmut. Es war ein wehmütiger Grenztanz, voll Melancholie und durchsetzt vom Wissen um die Vergänglichkeit.
Plötzlich steigerte er das Grenztanztempo zu einem wilden Stakkato. Richie stampfte in den Boden, fuchtelte furchterregend mit den Armen herum, sprang wie ein Springbock in die Luft, bewegte sein Becken wie frühlingswilder Maibaumaufsteller und er verfiel in eine undurchdringliche Grenztanztrance.
Zuerst schloss sich Anna S. seinem brachialem Tanz an. Dann konnte Claudia nicht mehr widerstehen, auch Margarete nicht mehr. Sie hatte ihr Oberschenkelsausen total vergessen. Raimondo riss seine Stromgitarre aus dem Halfter und begleitete das Geschehen mit einem wüsten Saitenreißen. Jo Go Wadl stapfte schnaubend auf und ab. Nur ab und zu nahm er einen kräftigen Schluck aus der Sektflasche.
Watsch K. rieb seinen Kopf an einem Baum, Franz F. telefonierte mit Silikon Valley und Silvia P. bewegte ihre Zehen im Rhythmus. Der Shaolin Mönch stoppte abrupt seine Schwammerlsuche, riss sich seine Mönchskutte vom Leib, schloss sich dem Treiben an und brillierte mit einem martialischen Schwerttanz und durchstieß mit seine Kopf einen meterdicken Lindenstamm. Als Watsch k. das sah, probierte er es ebenfalls.
Und oh Wunder: Es gelang. Jo Go Wadl murmelte: "Heimat bist du großer Söhne".
Wahrscheinlich hätte die impulsive Grenztanzperformance noch für Stunden angedauert, wäre nicht ein promilleträchtiger Traktorfahrer Silvia P. über die Zehen gefahren. Ihr Schrei gellte durch den unschuldigen Vormittag, so laut als hätten auf einer Säuglingsstation tausend Babies gleichzeitig zu schreien begonnen. Die Blätter fielen
von den Bäumen, der Traktorfahrer vom Traktor und Richie hörte zu tanzen auf.
Schnell leerten wir noch die Sektflaschen, nahmen den Wanderstab wieder in die Hände, Jo Go Wadl blickte kurz auf die Wanderkarte und gab die Parole "Illing" aus.
Illing ist die Stelle, wo die Gemeindegrenzen von Ampflwang, Eberschwang und Frankenburg zusammenstoßen. Ein geographieträchtiger Ort, eine konfliktreiche Stelle, die gewaltige Grenzballung per se, das ist Illing.
Eine ungezähmte Romantik ist der Begleiter auf dem Weg nach Illing. In der Eu wurde schon darüber diskutiert den Weg zum Geburtenschutzweg zu erklären, denn es geht das Gerücht um neunzig Prozent der geschlechtlichen Vereinigungen von Eberschwang, Ampflwang und Frankenburg, die zu Nachwuchs führten, fanden hier statt.

Angekommen in Illing ergriff uns ein regelrechter Grenztaumel. Wir hüpften von Frankenburg über Ampflwang nach Eberschwang und umgekehrt. Den Eid nie mehr Fremdgehen zu wollen, hatten wir völlig verdrängt. Es gab ein lustiges Hin- und Herspringen, ein von Gemeinde zu Gemeindehüpfen wie es in der langen Geschichte der drei Orte noch nie vorgekommen ist. So sagen auf jeden Fall die Grenzchronisten.
Manchmal verweilten wir für kurze Zeit in Ampflwang und halfen den vom Aussterben bedrohten Bergknappen bei der Fortpflanzung, was uns bei der Bevölkerung Ampflwangs große Bewunderung einbrachte. Manche von uns, Namen seien dezent verschwiegen, erhielten sogar den "Goldenen Stollen".
Den Hilferufen der Eberschwanger, die ebenfalls vom Aussterben bedroht sind, folgten wir bereitwillig. Wir vereinbarten auch, sie würden beim nächsten Grenzgang bevorzugt behandelt.
So ein Grenzgehüpfe macht hungrig und durstig, das ist doch selbstverständlich.
Wir setzten uns also neben den mickrigen Grenzstempen, verzehrten genüsslich den mitgeschleppten Zehenkas, tranken hurtig frisches Quellwasser, warfen uns neckisch Grasbüschel an den Kopf, legten unser nächstes Ziel, das war der Hoblschlag, fest und marschierten Ios.
Zügig und mit der Gelassenheit erfahrener Grenzwanderer. Nur Puffi pflegte ihre ausgefeilte Zehengangtechnik. Sie zu erläutern, das spränge den Rahmen dieses Berichtes. Nur soviel: Für Interessenten der Technik, gibt Puffi im kommenden Herbst ein dreiwöchiges Intensivseminar. Meldungen unter 07683/750110.
Der Abschnitt des Grenzganges verlief ohne Zwischenfälle. Bis kurz vor der Einkehr beim Wirt' n Z ´Hoblschlag, es gab einen kaum erkennbaren Anstieg, der linke Oberschenkel von Watsch K. zumachte.
Und das Zumachen des Oberschenkels, Experte können davon ein Lied singen, ist mit unermesslichen Schmerzen verbunden. Es ist ärger als die Hölle ohne Feuer, es ist schlimmer als Luzifer ohne das Böse.
Watsch K. sank mit einem lauten Aufschrei in die Brennnesseln, jammerte vom Nichtmehrweiterkönnen und er flehte um die Narkose.
Jo Go Wadl wollte sie ihm schon nach der Holzhammermethode verpassen, da holte Watsch K. das von Anna S. leicht hingesagte, "Jetzt wirst alt", in die schmerzfreie Zone zurück.
Pumperlgesund sprang er auf , eilte mit energischem Schritt dem Wirt zu und bestellte sich einen Salbeitee. Wofür auch immer: Bis zum heutigen Tage weiß man es nicht genau.
Vor dem Wirtshaus tanzte der Wirt aufgeregt herum. Immer wieder schrie er: "Ich bin gerichtet, ich bin gerichtet". Wir glaubten der gute Mann wäre von einem Gericht zu einer schweren Strafe verurteilt worden, da klärte uns ein Hoblschlager auf: "Keine Angst, ihr flotten Grenzwanderer. Es bedeutet nur, er ist auf euch als Gäste vorbereitet".

In der Wirtsstube saßen schon die feigen KulimuInnen, die sich der Grenzwanderung verweigert hatten. Manche von ihnen hatten sich noch nie in die Nähe einer Grenze gewagt, einige noch nie eine Grenze gesehen. Wenige getrauten sich nicht einmal von der Küche ins Schlafzimmer; aus Furcht eine Grenze zu verletzen. Einer von ihnen, welcher der Zunft der Poeten entstammte, hatte sogar ein weinerliches Machwerk mit dem Titel "Hör ich von Grenzen muss ich trenzen", verfasst. Eine Grenze zu überschreiten, wäre für sie die achte Todsünde gewesen. Grenze, das war für diese kümmerlichen Memmen etwas Bedrohliches, ein Tabu an dem niemals gerüttelt werden darf.
Da saßen sie nun in ihrer geduckten, angstschlotternden Haltung. Die Schultern hochgezogen, den Blick feig in das Bierglas gerichtet. Kein Wort kam über ihre Lippen, weder Muh noch Mäh. Aber das Bild von den kulimuischen Hasenfüßen am Wirtshaustisch war ohnehin nur eine Fata Morgana. Niemand von denen hätte sich wirklich an die Grenze gewagt.

Als Toni unter leichtem Seufzen die Mahlzeiten servierte, war es 12 Uhr mittags, also High Noon am Hoblschlag.
Die Duelle konnten beginnen.
Obmann Raimondo killte den ersten Bratknödel mit einem kräftigen Gabelstich. Mit einer druckvollen Fontäne spritzte die Kernfetten, das ist das Herzblut des Bratknödels, gegen die Wirtshausdecke, tropfte anschließend auf die kahle Schädeldecke des Franzens und bildete dort einen kleinen See. Sofort siedelten sich Kleinstlebewesen ,wie Mückenfische und Gelsenjünglinge an. Anna S. gab an auch eine paar Rastafarihüpfer zu sehen.
Jo Go Wadl, der ein exzellenter Naturkundler ist, bat Franz einfach still zu sitzen. Er holte sich einen Eimer vom Wirt. Dann musste Franz den Kopf in den Eimer stecken, dreimal den Schädel kräftig hin und her beuteln und ein Hohelied auf die Natur singen.

So löste sich der See von seinem Haupt und plumpste in den Kübel. Eilgeschwind drosch Jo Go Wadl den Deckel darauf und hatte somit dieses geheimnisvolle Biotop eingefangen. Erste wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, das die Kernfetten, also das Herzblut des Bratknödels, der Ursprung des Lebens sein könnte. Wenn die Untersuchungen weiterhin so positiv verlaufen, könnte damit eines der rätselhaftesten Geheimnisse unserer Entstehung bald gelüftet sein.
Unvorstellbar, denn es müsste das Buch der Evolution völlig neu geschrieben werden.
Die Duelle setzten sich fort.
Claudia kämpfte mit ihren Chinesenstäbchen einen aussichtslosen Kampf gegen das schweinerne Bratl. Nur den Semmelknödel konnte sie aufheben, und Watsch K. auf das Auge drücken, bei sich eine leichte Sehverschiebung bemerkbar machte.
Puffi badete ihren zu Hysterie neigenden Zehen im Nudelsuppentopf, Anna S. spießte einen Hirten auf und Margarete verbog ihr Messer in Uri Geller Manier bei der Massakrierung des Tafelspitzes.
Anton, der Wirt weinerlte vor sich hin: "Ich bin ruiniert, erledigt auf ewige Zeiten".
Wir trösteten ihn, indem wir nach dem Essen sofort aufbrachen. Mit schnellem Schritt eroberten wir den Göbelberg. Der Göbelberg ist die höchste Erhebung unserer Gemeinde. Hier leben die zähesten Menschen des Bezirkes. Marathonläufer, Watschentänzer, Triathleten und die Helden der Tour de Dance schlagen an diesem kargen Ort ihre Trainingszelte auf.
Auch wir lebten in der Höhenluft auf, bekamen rosige Wangen und ein fröhliches Gemüt. Das Blut wurde von roten Blutkörperchen überschwemmt. Der Laufschritt war daher die logische Folge für die restlichen 15 Kilometer unseres Grenzganges.

Am 14.4 02 um 18 Uhr und mit von 62 Kilometern gestärkten Beinen beendeten wir den Grenzgang.
Die bei allen KulimuInnen vorgenommenen Dopingkontrollen
zeigten höchst unterschiedliche Werte.Bedenklich war nur der hohe Mineralwasserwert im Blut von Anna S.

Ende