Kulimu fährt Rad
September 2004. Die Frankenburger Kirchturmuhr schlug 13 Uhr 30. Bischof Kurt
Krenn schlug vom Kirchturm sein Wasser auf die Erd hernieder. Einen Tropfen
davon fing er davon auf, füllte ihn in ein Gurkenglas und nahm ihn als
Talisman auf seine Reise nach Rom mit. Im selben Moment ließ Joe Pedalo,
bekleidet in einer futuristischen Rennkleidung, sine Kulimuschäfchen aufsatteln.
Beinahe hätte sich Watsch, der fünf Minuten vorher von seiner
Reise aus New York zurückgekommen war, und natürlich unter einem veritablen
Jetlag litt, seine Bandscheibe in den Gepäcksträger eingeklemmt, hätte
ihn nicht Lisa mit letzter Kraft auf den Sattel gehoben.
Stromgitarrist
Raimondo, der unter einer fatalen Konzentrationsschwäche leidet,
versäumte das Aufsatteln und stand noch unter einem Zwetschkenbaum, als
die Kulimus hinter der ersten Biegung verschwanden. Verstört rief er von
seinem Handy Joe Pedalo an, was denn los sei. Der erklärte ihm ruhig und
sachlich den Stand der Dinge: "Sattle auf und komme nach".
Da zerbiss Raimondo seine Marlboro, schmiss seine Stromgitarre auf die Fahrradgabel
und sauste dem Hauptfeld hinterher.
In der Au, die so heißt weil die Menschen bei jeder Kleinigkeit "Au"
schreien, zwitscherten die Herbstvögel gar herzzerreißend. Grete,
die ein unendlich weiches Herz hat, konnte einfach nicht mehr weiterfahren.
Unter Tränen stieg sie vom Rad ab, das übrigens von der amerikanischen
Weltraumbehörde als offizielles Mondfahrrad genehmigt wird, kniet nieder
und zerbröselte ihr Jausenbrot damit sich die armen Herbstvögel Nahrung
zuführen könnten.
"Au", schrieen die Auer, die Ureinwohner der Au. Und tatsächlich:
Es ging nicht gut. Denn anstatt das zerbröselte Jausenbrot aufzupecken,
hackten die Vögel auf Grete ein.
Schützend warf sich Joe Pedalo über seine Frau. Doch die Vögel
ließen nicht von ihr ab.
"Kreuz Teufel", wetterte Puffi, und da erschien, oh Wunder, Bischof
Kurt Krenn am Himmel und ließ den Tropfen Wasser, den er vorher im Gurkenglas
aufgefangen hatte, auf die Vögel niederplumpsen. Mit einem Schlag ließen
die Vögel von Grete ab und sie zwitscherten wieder wonniglich. Auch Kurt
Krenn verschwand wieder vom Himmel. Watsch meinte das wäre nur ein Flugzeug
aus New York gewesen.
Aber wer glaubt schon einem Menschen, der den Jetlag in sich hat. Grete flickte
ihr Brot wieder originalgetreu zusammen. Joe Pedalo ließ zum zweiten Mal
satteln.
Die Sonne schien so klar wie ein Eiklar niemals sein kann. Anni, der Raimund
bei den Angriff der Vögel einen Stromschlag verpasst hatte, elektrisierte
ihr Fahrrad bis es Funken sprühte.
Doch es war nicht die Zeit physikalischer Experimente. Anni musste sich nach
Vöcklamarkt zum Bahnhof zittern. Nichts half dagegen. Auch nicht die süßesten
Voodooseufzer.
Am
Bahnhof lungerten einige vöcklamarkter Fooligans herum. Fooligans deshalb,
weil sie very fool sind, und noch nie zu einem Fußballspiel ihrer Mannschaft
gefunden haben. Auch bei Heimspielen finden sie den Fußballplatz nie:
Einmal landeten sie in der Vöckla, einmal in der Ager, einmal in einem
Heuschober. Einmal verirrten sie sich bis nach Innsbruck zu einem Goldhaubentreffen,
wo ihnen die Lederhosen ausgezogen und ihre Schädel mit Geranien bepflanzt
wurden.
Als sie Joe Pedalo erblickten glaubten sie in ihm den Mittelstürmer ihrer
Mannschaft zu erkennen "Ho, Ho, Ho hier kommt der Joe", jubelten sie
und legten Pedalo einen Fußball vor die Füße.
Alle seine vorgebrachten Beteuerungen, er sei ja gar nicht der besagte Mittelstürmer,
halfen Pedalo nicht.
"Schieß die Frucht bis zur Schlucht", riefen sie Verzweifelt
sah sich Joe um. Er, der noch nie in seinem Leben gegen ein Tier, geschweige
gegen einen Ball getreten hatte, packte die Angst. Immer drohender wurde das
Geschrei der Fooligans.
"Trittst du nicht die Frucht, haun wir dich mit Wucht". Da nahm Pedalo
sein Herz in die Hand. Der Anlauf zum Ball war wuchtig. Der Schuss tierisch
hart. Die Folgen für die Fooligans katastrophal:
Dem ersten verrutschte die Nase in seinem Marmeladegesicht, dem Zweiten flogen
die Zähne in einem hohen Bogen davon. Der Rest der Fooligans seichte in
die Hose. Solange bis es bei ihren schweren Schuhen wieder herauslief.
Als der Ball endlich still stand, rieben sich die Fooligans die Augen, nickten
anerkennend und murmelten respektvoll: "Er ist wirklich unser Joe".
Sogleich wollten sie ihn hetzen. Da mochte Joe einen drohenden Schritt zur Frucht.
Das löste eine seltsame Erstarrung bei den Fooligans aus. Sie verharrten
in der Position, die sie gerade einnahmen. Und wenn sie nicht gestorben! sind,
stehen sie noch heute dort.
Trotz des kleinen Zwischenfalls war die Zeit vorangeschritten. Die Abfahrt der
Kulimus nahte unwiderruflich.
Der
Fahrdienstleiter sang den ÖBB- Hit, "Vorsicht auf den Gleisanlagen",
und schon brauste er heran der Stolz der ÖBB, der City Shuttle.
Deshalb Shuttle genannt, weil es ihn von City zu City, wie
einen Junkie schüttelt. Dabei werden auch die Fahrgäste kräftig
durchgeschüttelt, sodass mancher Nierenstein seinen Herrn verlassen musste,
Auch Gesundheitsministerin Rauch Kallat erfuhr von den wundersamen Heilungen.
Seither gibt es City Shuttlefahrten auf Krankenschein. Die Fahrten sollen auf
Jahre ausgebucht sein. Schade, dass Rüdiger hinterm Wald, OberÖbbler
das nicht mehr erleben darf, Sein Verkehrsminister gibt ihm den Weisel, das
heißt, er wird in den Wald geschickt, wo er in dem Film, "Der Rüdiger
vorm Wald", die Hauptrolle spielen darf.
Im City Shuttle saß Graf Pülü, der Ehemann der Gesundheitsministerin,
die nur Kallat (10 mg Teer) raucht.
Graf
Pülü ist nicht nur Ehemann, sondern auch Waffenhändler. Aber
ein ganz ein Braver, der nun mit friendly Fire -Waffen handelt. Die Menschen,
die von solchen Waffen getroffen werden, sterben mit einem Lächeln auf
den Lippen; so als hätten sie am Morgen die Sonne aufgehen sehen.
Für diesen Verdienst ist Graf Pülü von freundlichen Regierungen
freundschaftlich geehrt worden.
Pülü telefonierte gerade mit seiner Maria, als sich ein Schuss aus
seiner Magnum 69, eine überaus freundliche Waffe, die er im Schulterhalfter
trug, löste.
Krachend sauste die Kugel in die Decke des Waggons, durchschlug sie und sauste
kerzengerade in den Himmel, direkt auf Bischof Kurt Krenn zu, der auf dem Pilgerflug
nach Rom war.
Der schlaue Kurtl überriss natürlich sofort aus wessen Pistole die
Kugel kam. Er erteilte ihr den Segen, ließ sie vorbeifliegen und in die
nächste Wolke krachen. Die Wolke, die einen schweren Regen mit sich führte,
entlud sich auf Anhieb. Ein schwerer Tropfen des Regens fiel durch das Loch
des Waggons und schlug auf Raimondos Kopf ein, als er gerade seine Stromgitarre
auspacken wollte.
Raimondo, wie vom Blitz getroffen, fiel auf den Grafen. "Fuck", konnte
Raimondo noch schreien, dann landeten beide in der Waffenkiste des Grafen.
Pülü's Handy, aus dem ein verzweifeltes, Schnurli was ist los, seiner
Maria zu hören war, flog in weitem Bogen in die Hände von Raimondo.
"Fuck", hauchte Raimondo. Dann war auch das Handy still.
Der hundertjährige Schaffner, halb taub, halb blind, ein
Opfer der Pensionsreform, beugte sich zu Raimondo und Pülü hinunter
und lispelte: "So liebe Kinder, wie die brav in ihrer Sandkiste spielen".
Dann
verwechselte er Pülüs Ohr mit einer Fahrkarte und zwickte ihm mit
einer Schaffnerzange aus den 20 iger Jahren, eine strenge Sparmaßnahme
der Öbb, ein Riesenloch in das Ohr.
Pülü schrie wie am Spieß, aber der Schaffner hörte ihn
nicht. Nur aus dem Handy war die Stimme seiner Maria zu hören. Sie klang
besorgt: "Schnurli fehlt dir was?" "Mein Ohr", brüllte
Pülü und riss eine Kalaschnikow aus der Waffenkiste, repetierte zweimal,
richtete sie auf den Schaffner, der eingeschlafen war. Da traf Pülü
der Blick von Mike, der grimmiger schauen kann als ein hungriger sibirischer
Eisbär.
Augenblicklich ließ Pülü seine Waffe fallen, sank auf seinen
Sitzplatz und jammerte: "Wenn ich doch nur eine Kallat rauchen könnt".
Claudia, die zum ersten Mal bei einem Fahrradausflug der Kulimus dabei war,
blickte verunsichert zum Fenster raus. Was sie erheischte, verunsicherte sie
noch mehr.
Neben dem City Shuttle, der zusehends an Tempo verlor, lief Joschka Fischer,
der Franz Josef Strauß immer ähnlicher wird, und wild gestikulierend
schrie: "Ich bin mir selbst treu geblieben. Darauf bin ich stolz".
Da erscholl vom Himmel her eine Stimme: "Das glaubst du wohl selbst nicht".
Es war K. Krenn auf seinem Pilgerflug nach Rom. Das war zuviel für Claudia.
Sie wollte aussteigen, doch Watsch, ein Mann mit den Maßen eines Body-Guard
und mit immenser New York Erfahrung beruhigte sie. Er erzählte ihr von
seinen
Erlebnissen in der Bronx, was wie jeder weiß, das härteste auf der
Welt ist.
Dort war er täglich in mehrere Schlägereien verwickelt gewesen, habe
sich mit Drogendealern um die Wette geprügelt und in New York habe er mit
Joschka Fischer sämtliche Designerläden aufgesucht. Also brauche sie
vor dem keine Angst zu haben. Mittlerweile war ein Arzt in den City Shuttle
gestiegen, der dem hundertjährigen Schaffner eine Infusion setzte, damit
er die Fahrkartenzwickerei fortsetzen konnte. Mit einem Ohrenreiberl verschloss
er auch das Loch in Pülüs Ohr.
Bei
der nächsten Station stiegen fünf Fahrradmanager der Öbb zu.
Sie sind spezifisch ausgebildete Manager, die über die betriebswirtschaftliche
Notwendigkeit der Mitnahme von Fahrrädern in den Zügen befinden.
"Im Verhältnis zur Länge des Zuges ist die Anzahl von zwölf
Rädern ein Nullsummenspiel", meinte der Erste. " Das wird den
Rad- Dow- Jones an der Börse schwer ins Minus schlittern lassen",
der Nächste.
"Seid's ihr deppert", fuhr Watsch dazwischen. "Des anzige wos
ins Minus schlittert is mei Geldtascherl bei eichre Preise".
Die Manager, die nur mehr die Managersprache verstehen, schauten ihn verständnislos
an. "Jo und deppert schau'n a nu. I' pick eich ane, dass eich um die Taurus
umiwickelt". Watsch ließ seine Killerbizeps spielen.
Erschrocken griff jetzt einer der Manager zum Handy und forderte als Unterstützung
einen Eurofighter an.
Am anderen Ende des Handynetzes meldete sich Wirtschaftsminister, Bartenstein,
der auch im Pharmazirkus einen Haufen Geld macht. "Moment. Ich muss noch
kurz eine Schuhverkäuferin beim Verfassungsgerichtshof anzeigen, weil sie
mir beim Sommerschlussverkauf nicht zusätzlich 50 Prozent Rabatt gewährt".
Watsch, der nicht nur Augen wie ein Adler, sondern auch Ohren wie ein Luchs
hat, riss dem Öbb Manger das Handy aus den gierigen Managerfingern: "So,
du Durchschnittsminister jetzt horch ma zu. Wann du de anzagst, daun hau i da
de Verfassung 70 Mal um dein Bledschnschädel und de Eurofighter hol ma
mit'n Pülü seine Kalaschnikow vom Himmel oba".
"Aber, aber", rief Bartenstein. "Nichts, aber, aber. So ist es
und nicht anders". Raimondo schickte der Aussage von Watsch noch ein furchterregendes
Geräusch aus seiner Stromgitarre hinterher.
Die spezifisch ausgebildeten Öbb Manager hatten sich längst in eine
Ecke des Waggons verdrückt, und hofften der Rache des Bizepsmonsters zu
entgehen.
Und tatsächlich Watsch ließ sie in Ruhe. Sie fadisierten ihn nur
noch.
Dafür nahm sich die Meisterin des Voodoozauberns, Anni, ihrer an; was das
gefährlichste überhaupt ist. Denn Anni beherrscht Dinge zwischen Himmel
und Erde, von denen der Mensch nicht einmal eine Ahnung hat.
Wer
jetzt einmal fünf hungrige Katzen von Haus zu Haus ziehen sieht, der möge
sich ihrer erbarmen, sind es doch die fünf ehemaligen spezifisch ausgebildeten
Öbb Manager, die erst dann von Anni erlöst werden, wenn der Bart des
Propheten bis zum Himmel reicht. Was das bedeutet kann sich jeder selbst ausrechnen.
Die nächsten paar Minuten bis zum Aussteigen verliefen
ohne nennenswerte Zwischenfälle. Grete verzehrte noch schnell ihr mitgebrachtes
Tintenfischbeuschel, Franz schnäuzte sein Taschentuch in Scherben, Lisa
trank ihren afrikanischen Zibebensaft aus, Wolfgang, der eine Ausbildung bei
den ShaolinMönchen gemacht hatte, zertrümmerte eine Eisenfeile auf
seinem Kopf, und Sabine hütete das Geheimnis ihrer Schomlauer Nockerln.
Also alles Tätigkeiten wie sie das Alltagsleben mit sich bringt.
Nachdem alle Fahrräder ordnungsgemäß ausgeladen waren, gab Joe
Pedalo die Startaufstellung für das "Terminal- Biken" bekannt.
Beim "Terminal- Biken", das in den nächsten Jahren einen enormen
Boom erleben wird, und bei dem Kopf und Körper gleichermaßen beansprucht
werden, geht's darum:
Zuerst müssen die Bahnhofstiegen rauf und runter gefetzt werden. Dabei
muss aber mindestens ein Finger in die Speichen gehalten werden. Wer mehrere
Finger hineinhält, erhält Bonuspunkte. Wer dabei einen Finger verliert,
erhält ein neues Vorder- oder Hinterrad; je nachdem.
Dann muss das Fahrrad sofort auf ein Geleis gestellt werden, um in das Terminal
einfahrenden Zug mit höchster Tretgeschwindigkeit entgegen treten zu können.
Bleibt der Zug stehen, hat man gewonnen. So wird das Risiko von Station zu Station
gesteigert, denn "Terminal- Biken", das ist Abenteuerspaß in
höchster Vollendung. Dagegen sind sämtliche Iron Men Rennen kümmerliche
Warmduscherveranstaltungen. Die genauen Spielregeln sind unter www. Joe Pedalo.at
zu erfahren.
Sieger
unseres "terminal- bikens", es ist müßig zu erwähnen,
wurde natürlich J. P. (se. Foto), und das ohne Finger- Hand- und Kopfverlust.
Was natürlich gegen die Qualität der anderen Teilnehmer spricht.
Gleich nach der Siegerehrung, die Joschka Fischer vornahm, ging es hinaus auf
den neugestalteten Bahnhofsvorplatz, der in seiner perfiden Schlichtheit, ein
Schmuckstück architektonischer Schöpferkraft darstellt. Unbedingt
selbst anschauen.
Puffi zwang diese gestalterische Einmaligkeit sogar in die Knie. Kurt Krenn,
gerade auf seiner Pilgerreise nach Rom, missverstand ihre Geste, und er gab
ihr den Segen. Hoffentlich bringt das nicht Unglück auf dem weiteren Fahrradausflug.
Pedalo wollte gerade aufsatteln lassen, als sich der Himmel verdunkelte. Ein
Geschwader von Eurofightern kam herangedüst.
Extreme
Gefahr war angesagt. Aber da kam uns der Wettergott oder wer auch immer zu Hilfe,
denn die Temperatur sank plötzlich auf minus 25 Grad. Wie jeder weiß,
werden die Eurofighter damit außer Kampf gesetzt. Und so war es auch.
Einer krachte gegen den Untersberg, der nächste gegen den Gaisberg und
der dritte kleschte in die Salzach.
Die
drei Piloten konnten sich per Schleudersitz retten. Da jedoch mit den Minustemperaturen
heftiger Sturm aufkam, wurden sie mit ihren Fallschirmen über die Meere
ins australische Outback verweht. Wir können ihr Schicksal nicht länger
verfolgen, aber im ORF wird täglich in der Sendung: Hilfe, ich bin ein
Pilot, wer holt mich nach Haus, darüber berichtet.
Der Spuk ging so schnell vorbei, wie er gekommen war. Nur auf Puffi's Zehen,
die weder Hitze noch Kälte vertragen, war zwischenzeitlich ein Weihnachtsbaum
gewachsen. Was tun? Joschka Fischer, der mit Steinen nach den Tauben warf, weil
sie seinen Armanianzug angeschissen hatten, meinte: "Auf keinen Fall fällen,
das widerspricht dem Naturschutz".
Hin und her wogen die Diskussionen, wodurch der Baum wieder verschwinden könnte.
Bis Mike, die grenzgeniale Idee hatte, Puffi müsse nur bis oberhalb der
Baumgrenze mit ihrem Allzweckfahrrad fahren, dann verschwände das Gewächs
von selbst.
Gesagt, getan. Als Puffi vom Gipfel des Untersbergs zurückkam, waren ihre
Zehen wieder frei von Weihnachtsbaum. Nur bei Betätigung ihrer Fahrradglocke
war das Lied, "Kling Glocke kling", zu hören. Eine Lappalie.
Wen das stört, dem ist nicht zu helfen.
Nun wurden raschest die Räder in die Lokalbahn verladen.
Bei einem Radausflug sollen nämlich mindestens zwei Drittel der Strecke
mit dem Zug gefahren werden, ansonsten bringt es Unglück.
Die Fahrt nach Riedersbach verlief in himmlischer Idylle. Links und rechts der
Strecke pflückten Eisenbahner bunte Sträuße von Herbstblumen
für ihren Verkehrsminister. Die Vögel, die ihren Abflug in den sonnigen
Süden vorbereiteten, kamen zum offenen Waggonfenster hereingeflogen, zwitscherten
ein "Arrivederci Joe", schnäbelten das noch in der Au verschmähte
Brot Grete' s zusammen, und verabschiedeten sich von uns mit einem melancholischem
Flügelschlag. Sogar der unheimlich kämpferische Joschka Fischer verlor
sich in Traumseligkeit. Er sagte uns Unterstützung als Außenminister
zu, führe uns doch unser Ausflug über die Grenze nach Bad Tittmoning.
Kurz vor der Ankunft vor Riedersbach schickte die Sonne noch einmal ihre schönsten
Strahlen auf die Erde. Den prächtigen Herbstkühen auf den Weiden,
wurde von feschen Melkerinnen noch in einem euterschonenden Vorgang Milch abgenommen.
Die Gläser mit dem Kraftgetränk sollten uns bei der Ankunft überreicht
werden.
Hätte Franz die vollen Milchgläser
gesehen, wäre er wahrscheinlich aus dem Zug gesprungen, denn schon allein
der Geruch dieses weißen Getränkes, löst bei ihm eine entsetzliche
Allergie aus. Ruhr, Cholera und die Pest, sicherlich auch
schreckliche Krankheiten, sind gegen Franzen' s Milchallergie eine sanftmütige
Störung im Körperhaushalt.
Doch Franz hat sich in Salzburg von den Kulimus entfernt, um sich einer Schönheitsoperation
zu unterziehen. Zuerst wollte er sich seine Glatze liften lassen, was bei dem
heutigen Standard der Chirurgie ein Kinderspiel ist. Zweitens wollte er sich
seine Zehen operieren lassen. Zehen, wie die von Mick Jagger, und Zehennägel,
wie die von Hans Moser waren schon immer ein Bubentraum von ihm.
Die geballte Macht des Kuhmilchschicksals traf daher Puffi, die auch an einer
Milchphobie leidet. Nicht so ausgeprägt, aber immerhin.
Beim Aussteigen lösten sich ihre Beine, bedingt durch die Angst vor der
Milch, vom Oberkörper, und sprangen in die Salzach. Puffi mit ihrem Oberkörper
allein gelassen, hob wie eine Rakete vom Boden ab, und katapultierte sich nach
Tittmoning. Damit blieb ihr das unangenehme in die Pedale treten, eine unausweichliche
Sache beim Radfahren, erspart. Wie und wo sich ihre Beine wieder dem Oberkörper
anschlossen, bleibt für immer ein Rätsel.
Alle
anderen, verdorben von der verwerflichen Werbung der Milchbauern, tranken die
Gläser, begleitet von genießerischen "Ahs" und "Ohs",
in einem Zug leer.
Wolfgang, der Shaolin- Mönch, verspürte gleich nach dem letzten Tropfen
der verwerflichen Brühe eine gigantische Kraft unter seiner Schädeldecke.
Voller Elan lief er gegen einen baumdicken Eisenpfeiler, um ihn zu zertrümmern.
Was soll man sagen? Vielleicht nur soviel: der Pfeiler steht heute noch. Sein
Kopf brummte wie eine Herde indischer Honigbeeren. Das war deutlich zu hören.
Mit einem dreifachen, "Ich, Shao bin", trommelte er mit einer Eisenfeile,
die ein angesehener Shaolin immer bei sich hat, auf seinen Schädel ein.
Der Sinn: Schmerzbekämpfung.
Grete, die zur Milch den Rest ihres Tintenfischbeuschels verzehrte, fühlte
sich so stark wie noch nie in ihrem Leben. Sogleich schwang sie sich auf ihr
Mondrad, und vollführte das berühmte Ritual, "Gummi- Gummi".
Joschka Fischer, der sich in einen giftgrünen Armani- Rennanzug geworfen
hatte, und vom Riedersbacher Bürgermeister ein funkelnagelneues Armstrong-
Rennrad geschenkt bekommen hatte, verbot ihr das "Gummi- Gummi" mit
seiner quenglerischen Stimme.
Aber da kannte er Grete schlecht. Noch mehr gab sie "GummiGummi",
Solange bis der Hinter- und Vorderreifen im schönsten Abendrot erglühten.
Erst dann konnte die Fahrt nach Tittmoning aufgenommen werden. Lisa übermütig
wie eh und je fuhr über Stock und Stein, ließ keine Pfütze aus,
und preschte in jede Wasserlache. Das konnte, nicht gut gehen, und es ging auch
nicht gut.
Es zerfetzte
ihr den Vorderreifen auf tausend Stücke. Warum gerade in tausend Stücke,
werden sich viele fragen. Das ist nicht leicht zu beantworten, aber mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit, hängt es mit dem Titel des Schlagers, "tausendmal
probiert, tausendmal ist nix passiert", zusammen.
Jetzt
hieß es zupacken und nicht lamentieren oder diskutieren wie Joschka Fischer
es vorschlug. Watsch, der Mann mit extremer New York Erfahrung,
und der jeden Sommer ein dreiwöchiges Gulaschkesselflickerseminar in Debrecin
besucht, holte seine Werkzeuge aus der Satteltasche.
In Debrecin hätte sie, wenn ein Gulasch zu sehr papriziert worden wäre,
Gulaschkessel geflickt, die in hunderttausend Teile zersprungen sind. Dabei
haben sie selbstverständlich Schutzanzüge getragen, denn das Gulasch
ist ein gefährlicher Stoff.
Jo Pedalo, der als Sprengstoffexperte über hundert Wolkenkratzer in sich
hat zusammen fallen lassen, und der die Sprengung des Mount Everest vorbereitet,
weil Steinquader für einen Mauerbau rund um Europa benötigt werden,
sagte Watsch seine Hilfe zu.
Sie machten sich ans Werk. Aber so einfach war es nicht. Denn erstens ist ein
Fahrradschlauch kein Gulaschkessel, und zweitens ist es leichter den Mount Everest
in die Luft zu jagen, als eine Fahrraddecke zu flicken, die in ihre Bestandteile
aufgelöst ist. Kurz vor dem Scheitern des Unternehmens griff Watsch zu
seiner Geheimwaffe. Sie gilt unter den Gulaschkesselflickern als das Non plus
Ultra. Alle mussten schwören, von der Anwendung nichts an die Öffentlichkeit
dringen zu lassen. Es kann daher über die Reparatur, die tatsächlich
gelang, keine Detailbeschreibung geben. Das ist Ehrensache.
Joschka Fischer wollte in den Fahrradschlauch keine Luft pumpen lassen, denn
sie fehle der Umwelt. Mein Lieber, da wurde er aber von Grete zusammengestutzt;
da verging ihm das Hören, das Sehen und das Reden. Er war froh sein Armstrong
Rennrad wieder zu finden, um die Fahrt fortsetzen zu können. Es ward beinah
dumper, und da wir uns in Bayern befanden wurden überall am Horizont "Stoiber-
Poster" aufgezogen. Sie ersetzen den Mond und sollen den Menschen suggerieren:
Habt keine Angst Leute, ich schlafe auch in der Nacht nicht.
Ob diesem Schauspiel fand Joschka Fischer seine Worte wieder. Fürchterlich
schimpfte er auf die "Stoiber- Poster" ein, die ihm jedoch keine Antwort
gaben.
Tittmoning war erreicht. Puffi empfing uns mit einer Weißbierdusche,
und geleitete uns in die "Floriani- Stub'n", wo die Floriani Jünger,
das sind Anhänger der Floriani Sekte, im Kreis um ihren Guru saßen.
Der Guru trug eine Feuerwehruniform, und er hielt den Vortrag: Das Feuer, das
Sodbrennen. Zwei Probleme, zwei Lösungen.
Der
Wirt schob uns wegen der Florianijüngerversammlung ins Nebenstüberl
ab, wo bereits Franz saß. Die Glatze wunderbar geliftet. Außerdem
hatte er sie modisch einfärben lassen, was ihn um einige, wenn nicht mehrere
Jahre jünger machte. Seine Füße hatte auf die Wirtshausbank
gelegt. Er trug keine Schuhe, keine Klapperl, keine Socken. So stolz war er
auf seine neuen Mick Jaggerzehen und seine Hans Moserzehennägel. Die Schönheitsoperation
also gelungen.
Daraufhin wurde mächtig dem Weißbier zugesprochen. So etwas gehört
gefeiert. Es wurde getanzt, gelacht und gesungen. Auch die Florianijünger
beteiligten sich daran. Tittmoning, der Kosmos, alles war ein freudvolles Ringelspiel.
Mitternacht war längst vorüber schon. Stoiber schaute von den Postern
immer verärgerter herab, denn keiner hatte sich um ihn gekümmert.
Bis auf Watsch, dem New York Experten, Raimund, dem Stromgitarristen und Wolfgang,
dem Shaolin-Mönch strebten alle dem Nachtlager zu.
Sie zog es hinaus in die Nacht. Hinein in die Opiumhöllen,
hinein in die Tanztempel der Sünde, hinein in die verlotterten Bierausschanken.
Sie zog es hinein ins Verderben.
Kurt Krenn, der auf seiner Pilgerreise nach
Rom gerade den sternhagelvollen Nachthimmel
durchflog, schlug die Hände vor seinem Gesicht zusammen, denn er kannte
die Sünde wie kein anderer; er kannte ihre zerstörerische Kraft.
Im
Pub, "Zum grünen Esel", ging aber alles glatt. Raimondo, der
Stromgitarrist verzauberte die Tittmoninger Damen mit bittersüßen
Melodien. Wegen seiner langen blonden Haare verwechselte in manches Mädchen
mit Hansi Hinterseer. Einige Angebote trugen durchaus den Stempel der Unsittlichkeit.
Wolfi, der als Shaolin Mönch nur hochprozentiges Wasser trinken darf, beeindruckte
mit einer mörderischen Eisenfeilendemonstration: Von der Theke ließ
er sich bäuchlings auf die Spitze seiner Feile fallen. Kaum aufgeprallt,
schleuderte ihn seine harte Bauchmuskulatur wieder auf die Bar zurück.
Dort kübelte gleich wieder einen Hochprozentigen, um sich anschließend
wieder auf die Feile fallen zu lassen. Wie oft? Keiner kann es mehr genau sagen.
Auf alle Fälle löste er frenetische Jubelstürme bei den Tittmoningerinnen
aus.
Watsch sammelte die Weiblichkeit mit seinen Erzählungen aus New York um
sich. Sie hingen an seinen Lippen, die er manchmal mit einem Spritzer benetzte,
als gäbe es kein morgen. Als Franz, dem die Glatzenstraffung enorme Probleme
bereitete, in seinem Albtraum den Tittmoninger Hahn dreimal krähen hörte,
wechselten die drei das Lokal.
Hinein
trieb es sie in die "Rote Lotte", einem Tanztempel, wo die Sünde
an jeder Ecke lauert.
Aber, warum und wie, die Sünde keine Chance mehr bekam, davon weiß
Kurt Krenn mehr. Leider können wir ihn nicht befragen, da er noch immer
auf Pilgerreise in Rom ist.
Vielleicht war es das Heimweh nach dem Bett, das sie unwiderstehlich zurück
in die Florianistube trieb. Vielleicht auch nicht.
Franz, der sich noch immer in seinem Albtraum befand, er träumte jemand
hätte seine Mick Jaggerzehen abgeschnitten, schreckte jäh auf als
Shaolinmönch Wolfi im danebenstehendem Bett zu schnarchen anhub.
Das Schnarchen eines Shaolinmönches ist nämlich kein gewöhnliches
Scharchen. Es ist eine Urgewalt, ein zerstörerisches Naturereignis, eine
lautstarke Teufelsaustreibung und ohne Ohrenstöpsel eine unsägliche
Qual.
Es dauerte nicht lange und die Luster über seinem Bett, es war tatsächlich
ein Luster, fing bedenklich zu schlingern an. Wie bei einem Sturm auf hoher
See. Dann krachte er auf ihn nieder, was einen Shaolinmönch nicht weiter
stört. Auch Raimund schlief still vor sich hin, wahrscheinlich träumte
er von Hansi Hinterseer, und machte keinen Muckser.
Nur Franz war gänzlich aus dem Häuschen. Verzweifelt suchte er nach
seinen Baldriantropfen und dem Schnarcherratgeber, "Still, Schnarcher,
still".
Die dort angeführten Ratschläge, wie Dynamitstäbe in den Nasenlöchern
des Schnarchenden zur Explosion zu bringen, oder die Luftröhre zu panieren,
halfen nur für einen Augenblick. Schon erzitterte der Tittmoninger Kirchturm
verdächtig und drohte auf die Florianistuben hernieder zu fallen. Da fiel
Franz ein altes Hausmittel ein.
Heftigst
rüttelte er im 3/4 Takt am schweren Eisengestell des Doppelbettes. Augenblicklich
stellte Wolfi seine Schnarcherei ein. Diese Methode wandten schon die Urgroßmütter
an, deren Männer in manchen Nächten dem Hochprozentigen nicht abgeneigt
waren. Die 3/4 Taktschwingungen blockieren die Rezeptoren in der Schnarcherecke
des Gehirns. Die Mediziner nennen den Zustand, eine "Analphabetisierung
der Reizleitungen". Wie auch immer.
Der
Shaolin- Mönch war still gelegt. Doch, kaum hörte die schreckliche
Lautmalerei aus seiner Mundhöhle auf, schreckte Raimondo aus seinem todesähnlichen
Schlaf auf, und mit seiner fürchterlichsten Stromgitarristenstimme schrie
er: "Nein, ich bin nicht Hansi Hinterseer", oh no, no; i am the devil
in disguise". Mein lieber Spitz, das erschreckte den Franz. Sofort entließen
seine Hände das Eisengestell aus dem Würgegriff, was aber ein Fehler
war, den damit setzte er die Schnarchalphabetisierung beim Shaolinmönch
wieder in Gang. Er schnarchte jetzt preßlufthammermäßig, was
für die Florianistube erhöhte Einsturzgefahr bedeutete. Franz hatte
also keine Wahl und er musste wieder mit dem Rütteln beginnen. Doch kaum
gerüttelt, begann Raimondo wieder zu schreien. Was? Eh schon wissen. Hilflos
stand Franz da. Die Mick Jaggerzehen krampfartig verkrümmt. Die schönen
Hans Moserzehennägel hatte es ihm aufgedreht.
Da
erinnerte sich Franz an Anni, die Voodoomeisterin. Nur sie konnte den beiden
den Frieden wieder geben. Er rannte aus dem Zimmer. Da ging im selben Moment
die Tür des Nebenzimmers auf. Heraus kam mit gepackten Koffer Watsch, und
sang: "Ich war noch niemals in New York".
Mit dem Schmäh, " Passagiere nach New York, bitte zu Gate 5",
lockte ihn seine Freundin Lisa wieder ins Zimmer.
Der Weg zu Anni war nun frei. Franz schilderte ihr wie sehr nicht nur er, sondern
ganz Tittmoning bedroht wären, käme es bei Wolfi zur Schnarchexplosion
und bei Raimondo zu einem Hansi Hinterseertrauma.
Schnell packte Anni ihre sieben Knochen zusammen. Wahre Voodoomeisterinnen brauchen
nicht mehr, und sie eilte zu den beiden. Mit Kennerblick stellte sie fest: Es
war höchste Eisenbahn geboten.
Mit gekonnten Griffen zwirbelte sie Raimondos Haar zu einem riesigen knochenähnlichem
Gebilde, rieb ihm Voodooasche in die Stirn ein und trommelte rhythmisch mit
ihren Voodooknochen auf seinen Bauch.
Bei
Wolfi zündete sie ein Feuer unter dem Bett an, was ihn völlig vom
Schnarchen ablenkte. Beide pfiffen nun friedlich aus dem letzten Loch. Alles
wäre in schönster Ordnung gewesen, wäre da nicht mit einem Mal
mit gepackten Koffer Watsch im Zimmer gestanden. Allen Ernstes behauptete er:
" Ich bin ein New Yorker". Dabei lächelte er ein wenig verloren.
Gott sei Dank konnte ihn Lisa mit, " ich bin eine Berlinerin", wieder
in ihr Zimmer locken.
Die Zeit zum Frühstücken
war gekommen.
Die Florianijünger verspeisten bereits ihre traditionellen Würste
der Unschuld, die Weißwürste. Joschka Fischer, noch etwas grün
im Gesicht, ließ sich eine Dinkelburenwurst schmecken, die Wirtin verteilte
Stoiber-Busserl an uns, oben am Himmel zog Kurt Krenn auf einer unschuldigen
Morgenwolke nach Rom weiter, und im Heimatfilm "Der Rüdiger vorm
Walde" fiel die erste Klappe.
Am Tittmoninger Stadtplatz tauchte im Laufschritt Umweltminister Bartenstein
auf. Er machte beim grenzüberschreitenden Marathonlauf "Bayern gegen
Österreich" mit. Er lief barfuss, denn nachdem Watsch gedroht hatte,
die österreichische Verfassung auf sein Ministerhaupt niedersausen zu lassen,
falls er noch einmal ungerechtfertigen Schuhrabatt verlange, hatte keine Schuhverkäuferin
mehr Angst, und es gab nirgends mehr verbilligte Schuhe für ihn.
In
Ministerkreisen nennen sie ihn bereits Minister, "Bloßfuß",
der seine Füße der Pharmaindustrie für Hornhautzüchtungen
zur Verfügung stellt.
Hinter ihm fuhr die Unterrichtsministerin Liesl Gehrer auf einem Caddy einher.
Sie war auf der verzweifelten Suche nach bayerischen Schülern, denn die
österreichischen Schüler feiern zwar wilde Partys, und es soll sich
dort sexuell einiges tun, aber es wird von den Schülern die Ejakulatausschüttung
beharrlich verweigert. Jeder halbwegs aufgeklärte Mensch weiß, was
dann passiert. Richtig: Nachwuchsmangel, Pensionschaos.
Hingegen leiden die bayerischen Schüler, laut einer Studie der Uni München,
unter einem notorischen Ejakulationszwang. Oft ejakulieren sie mitten hinein
in eine Wiese. Einfach so, aus heiterem Himmel. Für die bayerischen Kühe
mit fatalen Folgen.
Sie fressen das verunreinigte Gras, und es kommt, nein nicht
zu BSE, sondern zu einer Übersexualisierung. Daher müssen laufen in
den Ställen ständig Kuh- Pornofilme laufen. Nur so können die
Kühe beruhigt werden. Der abgehauste Medienmogul Leo Kirch hat die Marktlücke
bereits entdeckt, und dreht mit den Hauptdarstellern, dem Stier Rambo und der
Kuh Zenzi, eine Pornoserie.
Für Frau Gehrer könnte der Ejakulationsszwang der bayerischen Schüler
an den österreichischen Schulen vernünftiger eingesetzt werden. Aber
da teilen sich die Meinungen. Siehe Leo Kirch.
Das Frühstück war vorbei, die Satteltaschen prall gefüllt. Aber
noch ging es nicht hinaus zur Wagingerseenplatte, wo einmal der Schubeck, der
Liebling der angegrauten Münchner Schickeria, aufkochte.
Nein, es ging zu Fuß hinauf zur Tittmoninger Burg. Zu Fuß gehen
hat an und für sich auf einem Radausflug nichts verloren, und Joe Pedalo,
der Ritter der Speichenwelt, war zu Recht aus dem Häuschen. Erst nachdem
ihm Claudia ihre High- Tech Wanderschuhe überließ, mit denen das
zu Fuß gehen dem Rad fahren ähnelt, gab er seinem Radfahrerherzen
einen Stoß.
Die Burg zu Tittmoning ist noch immer in das Grundbuch des Bistums Salzburg
eingetragen. Daher war es auch nicht verwunderlich im Burghof Salzburger Stierwascher
anzutreffen. Die besseren Verdienstmöglichkeiten nützend, fahren sie
über die Grenze um hier Stier um Stier zu waschen. Eine harte, aber ehrliche
Arbeit.
Als uns der Burgvogt erblickte, kam er aus seinem Burgvogtstüberl heraus.
Aber anstatt uns etwas über die Historie zu erzählen, blieb er wie
angewurzelt vor Claudia stehen. Die Liebe hatte ihn wie der Blitz getroffen.
Da waren die anderen Kulimus völlig perplex. Niemand hätte dem Vogt
eine derartige Gefühlsaufwallung zugetraut, war er doch mindestens 200
Jahre alt. Da müsste man seine Emotionen im Griff haben; sollte man meinen.
Aber wie ein Hip- Hop- König nahm er Claudia bei der Hand, sprang mit ihr
über den Burghof und hinauf auf die Burgmauer. Mit stolzer Geste zeigte
auf das unter ihnen ausgebreitete Land. "Freie mich und das alles gehört
dir", sprach er mit feierlicher Stimme. Königin von Tittmoning zu
sein war für Claudia eine große Versuchung. Das merkten die Kulimus,
die ja keinen Kurs über Menschenkenntnis auslassen: Menschenkenntnis in
den Bergen, beim Fischen, in der Badewanne, auf hoher See, Menschenkenntnis
beim Himbeerpflücken, und wie die Kurse alle heißen.
"Lass die heutige Radfahretappe an mir vorüber gehen. Dann kann ich
mich entscheiden", antwortete Claudia.
Zufrieden nahm Joe Pedalo die Entscheidung zur Kenntnis, muss doch am zweiten
Tag eines Radausfluges die Gemütlichkeit der Sportlichkeit Platz machen.
Darüber gibt es nicht einmal Diskussionen.
Flugs
ging es zurück in die Florianistube, in das Fahrerhauptquartier,
wo Joschka Fischer die Fahrräder schon frisch mit Sojawachs präpariert
hatte.
Kurz vor dem Start, Watsch, Raimondo und Wolfi pfiffen noch immer friedlich
aus dem letzten Loch, bog auf einem feuerroten Sichelrad Gusi Gusenbauer im
die Ecke. Er ist als Weinpapst, da er den Roten vom Weißen unterscheiden
kann, und als Mann der ständig seine Meinung ändert, bekannt.
Gusi sagt nämlich nicht", ich sage nicht so oder so, ansonsten heißt
es, ich hätte so oder so gesagt", sondern Gusi sagt, "ich sage
einmal so und einmal so, ansonsten heißt es, ich sage nicht so oder so".
So oder so. Gusi musste in der letzten Startreihe Aufstellung nehmen. Gleichzeitig
mit dem Startschuss fielen der New Yorker, der Stromgitarrist und der Shaolin
Mönch aus den Betten. Keine Sekunde war zu verlieren. Hinein in die Hose,
hinaus auf das Fahrrad. Bei ihrem Anblick rieben sich die Dopingjäger vergnügt
die Hände: Alle drei hatten derartig schwere und vergrößerte
Augenlider, was eindeutig auf die Einnahme von muskelbildenden Substanzen hinwies.
Gleich von Beginn an, ging Grete mit ihrem Mondfahrrad in Führung. Leicht,
behände, schwerelos.
Noch in der Nacht hatte sie bei der NASA einen Vertrag für fünfzig
Fahrradvorführungen am Mond unterschrieben.
Grete weit vorne. Alle anderen bildeten das Hauptfeld. Nur Gusi sichelte mit
seinem Drahtesel hinterher. So oder so.
Die erste Bergetappe. Dasselbe in Grün. Für Joschka Fischer ein kleiner
Trost.
Die erste Zwischenetappe. Dasselbe in Grün, doch nun gab es im Hauptfeld
schweren Positionskämpfe. Mike hackte Sabine mit einem Handkantenschlag
das Vorderrad entzwei. Puffi riss Raimondo das Kabel der Gangschaltung ab, Lisa
zerschnitt dem New Yorker den Fahrradsattel, Franz stach Liesl Gehrer einen
Patschen, die sich mit ihrem Caddy in das Hauptfeld geschwindelt hatte, Claudia
montierte dem Shaolin- Mönch die Pedale ab, und Anni zersägte Joe
Pedalo's Fahrradbalance. Die notwendigen Reparaturarbeiten ließen Grete's
Vorsprung ins Unermessliche wachsen.

... wohin geht es weiter ...